Mein Freund Charly

Prolog

Rea­ding time: 11 Minu­tes

Ich saß an mei­nem schlich­ten wei­ßen Schreib­tisch im Büro – nichts wei­ter als eine Arbeits­plat­te und vier schlan­ke Tisch­bei­ne. Das Weni­ge, das sich in die­sem eher spar­ta­ni­schen Raum befand, war unspek­ta­ku­lär.

Vor mir stand ein ein­ge­schal­te­ter Com­mo­do­re-64-Com­pu­ter mit Dis­ket­ten­lauf­werk. Ich sah auf des­sen Moni­tor und über­flog einen selbst­ge­schrie­be­nen Text. Grel­les Son­nen­licht fiel durch das Fens­ter hin­ter mir und spie­gel­te sich auf dem Bild­schirm, was das Lesen erschwer­te. Die Hit­ze brann­te auf mei­nem Rücken und drück­te mir feuch­te Schweiß­per­len auf die Stirn. Lang­sam rann ein Trop­fen her­un­ter.

Die Luft war warm und sti­ckig. Das Fens­ter war auf Kipp und die Tür an der Wand gera­de­aus war in der Hoff­nung auf Durch­zug geöff­net.

Plötz­lich klin­gel­te das Tele­fon. Mein Kör­per zuck­te zusam­men.

Es läu­te­te. Ein­mal. Zwei­mal. Drei­mal.

   Schließ­lich hob ich den Hörer ab und press­te ihn ans Ohr. „Guten Tag, hier ist die Part­ner­ver­mitt­lung Ponie­was. Was kann ich für Sie tun?“, sag­te ich mit höf­li­cher Stim­me.

Mit einem leich­ten Lächeln im Gesicht war­te­te ich auf eine Ant­wort. Doch es war still. Ich hör­te einen Atem­zug, und dann ertön­te der Besetz­ton – der Anru­fer hat­te auf­ge­legt.

   Die gespiel­te Freund­lich­keit fiel von mir ab und ich ließ den Hörer lang­sam auf die Gabel sin­ken. Es wäre zu schön gewe­sen, mur­mel­te ich.

Es herrsch­te wie­der Stil­le. Sekun­den ver­gin­gen. Ich starr­te ins Nichts, bis mein Blick mecha­nisch zur Uhr an mei­nem Hand­ge­lenk glitt – 17:03 Uhr.

Ich  sah auf den Brot­kas­ten – wie mein Com­pu­ter­mo­dell im Volks­mund genannt wur­de. Ich selbst war da per­sön­li­cher; mei­ner hat­te einen Namen. „Tja, Char­ly…“, seufz­te ich. „Heu­te springt wohl auch kein Ver­trag für uns raus.“

Es war mei­ne letz­te Chan­ce, um an einen hohen Betrag zu kom­men – mor­gen wür­de es mich hier nicht mehr geben.

Ich dreh­te mei­nen Kopf nach links, wo zum Grei­fen nah ein hüft­ho­hes, wei­ßes Regal stand. Weder das Radio, noch die Bücher oder die ver­streu­ten Unter­la­gen in den Rega­len konn­ten in die­sem Moment mein Inter­es­se wecken. Mein Blick fiel auf einen hand­gro­ßen Bil­der­rah­men auf dem obers­ten Brett. Dar­in war das Foto eines jun­gen Paa­res zu sehen; es moch­te Anfang zwan­zig sein und strahl­te glück­lich in die Kame­ra.

Bei­de waren kon­ser­va­tiv geklei­det; er in einem dun­kel­blau­en Anzug, sie in einem schlich­ten schwar­zen Kleid. Sie war eine attrak­ti­ve, schlan­ke Frau mit einem blon­den Schopf, der ihr bis auf die Schul­tern fiel. Auf dem Foto wirk­te sie sehr char­mant, ja fast unschul­dig. 

   „So eine hät­ten vie­le Män­ner gern“, mur­mel­te ich – und muss­te zufrie­den lächeln, denn der Mann neben ihr auf dem Foto war ich.

Mein Lob bezog sich nicht nur auf ihr Äuße­res. Ich war ins­ge­samt sehr zufrie­den mit ihr.

Mit bei­den Hän­den griff ich mir an die Kra­wat­te, locker­te den Kno­ten und hol­te tief Luft. Dann wand­te ich mich wie­der Char­ly zu.

   Da – wie­der die­ses Klin­geln. Dies­mal riss ich den Tele­fon­hö­rer hoch. „Guten Tag, hier ist—“, begann ich mecha­nisch, doch eine ver­trau­te Stim­me schnitt mir das Wort ab.

   „Ich bin’s“, hör­te ich mei­nen Vater sagen – der zugleich mein Chef war.

   Ich ant­wor­te­te mit einem: „Aha.“ Im Hin­ter­grund kla­cker­te eine elek­tro­ni­sche Schreib­ma­schi­ne. Er war defi­ni­tiv in der Mön­chen­glad­ba­cher Zen­tra­le.

   „Ist bei dir in Aachen was los?“, frag­te er.

   „Nein. Es haben sich heu­te kei­ne Part­ner­su­chen­den bei dir gemel­det. Die gan­ze Woche war schlecht“, ant­wor­te­te ich mit mür­ri­scher Stim­me.

   „Ich habe auch nur wenig Wer­bung geschal­tet“, räum­te er ein.

   Ich zuck­te mit den Schul­tern. „Aber Anru­fe, bei denen jemand ein­fach auf­legt, habe ich häu­fi­ger als sonst.“ Ich kicher­te kurz. „Ich glau­be, jemand kon­trol­liert, ob ich noch immer für dich arbei­te.“

   „Dass heu­te dein letz­ter Tag ist, weiß doch nie­mand“, sag­te mein Vater.

   Nach kur­zem Über­le­gen frag­te ich: „Wer arbei­tet ab Mon­tag hier? Kommt die männ­li­che Venus­fal­le zurück?”

   Mein Vater wuss­te sofort, wen ich mein­te und wor­auf ich anspiel­te. „Du weißt genau, dass er sich sofort an die Kun­din­nen her­an­macht, sobald man nicht hin­sieht.“

Oh, das wuss­te ich nur zu gut. Der Mann war ein wah­rer Meis­ter dar­in, pri­va­te Vor­tei­le mit geschäft­li­chen zu ver­qui­cken. Ins­be­son­de­re bei Frau­en. (Was reimt sich auf ver­qui­cken?)

Aber auch mein Vater griff schon mal sel­ber zu. Denn manch­mal kommt der Appe­tit eben erst, wenn das Essen auf­ge­tischt ist.

Ich sah und erleb­te per­sön­lich, dass sich auch attrak­ti­ve Frau­en, ob jung oder älter, an uns wand­ten und im Büro erschie­nen.

Außer­dem war mir bekannt, dass sowohl die weib­li­chen als auch die männ­li­chen Ange­stell­ten mei­nes Vaters ein über­durch­schnitt­li­ches Gehalt bezo­gen. 

Das galt sogar für mich als Aus­hilfs­kraft.

Ich war lan­ge zufrie­den. Den­noch hör­te ich hier auf.

Ich lach­te kurz auf. 

   „Was gibt es da zu lachen? Ich habe noch kei­nen Ersatz für dich“, sag­te er.

Ein Grin­sen brei­te­te sich auf mei­nem Gesicht aus – ein scha­den­fro­hes.

   Er fuhr fort: „Ohne dich muss ich die Aache­ner Filia­le vor­über­ge­hend schlie­ßen.“

Erst jetzt schien ihm zu däm­mern, was ich ihm wert war. Doch mei­ne Ent­schei­dung war gefal­len.

Bezüg­lich des Per­so­nal­man­gels hät­te ich ihn ger­ne wei­ter­ge­stri­chelt. Ist mein Vor­gän­ger eigent­lich schon aus dem Knast? – Der Satz brann­te mir auf der Zun­ge. Doch ich ließ ihn unge­sagt.

In den letz­ten zwei Jah­ren hat­te ich oft mit zwie­lich­ti­gen Cha­rak­te­ren zu tun, was mein Bild von der Bran­che, aber auch den Kun­den trüb­te. 

   In die­sem Moment ertön­te die Tür­klin­gel. „Das wird Mary sein – sie woll­te mich abho­len. War­te bit­te kurz.“

Ich leg­te den Hörer neben das grü­ne Tele­fon, schlen­der­te am Regal sowie am Schreib­tisch vor­bei und ging in die Die­le. Dort öff­ne­te ich die Ein­gangs­tür. Und da stand sie vor mir und lächel­te: Mary!

   Ich mus­ter­te sie flüch­tig. Sie trug einen knie­lan­gen, schwar­zen Rock und eine hoch­ge­schlos­se­ne, wei­ße Blu­se. Ihr Out­fit war spie­ßig, wie meis­tens. Dazu war sie dezent geschminkt. „Du bist aber früh dran“, sag­te ich has­tig, drück­te ihr einen Kuss auf die Wan­ge und dreh­te mich sofort wie­der um.

   Wäh­rend ich zurück ins Arbeits­zim­mer hetz­te, hör­te ich sie rufen: „Ich bin direkt nach Fei­er­abend los­ge­fah­ren – die Auto­bahn war wie leer­ge­fegt!“

   Die Son­ne knall­te mir ins Gesicht, als ich das Zim­mer betrat. Ich ging bis zum Anfang des Schreib­ti­sches, aber nicht um ihn her­um. Mit aus­ge­streck­tem Arm griff ich über die Arbeits­flä­che und nahm den Hörer in die Hand. „Sie ist da!“, ver­riet ich mei­nem Vater.

   „Mary ist bis Aachen gefah­ren, nur um dich abzu­ho­len?”

   Nor­ma­ler­wei­se pen­del­te ich die 60 Kilo­me­ter zwi­schen Aachen und zu Hau­se mit dem Zug – das wuss­te er. Doch heu­te gab es einen guten Grund, war­um Mary kam. „Sie ist nur hier, weil ich mei­nen Com­pu­ter nach Hau­se mit­neh­men wer­de“, erklär­te ich.

Mary war mir gefolgt. Sie husch­te an mir und dem Regal vor­bei und mach­te sich auf der ande­ren Schreib­tisch­sei­te auf mei­nem Platz breit.

   „Dann hal­te ich euch nicht län­ger auf!“, sag­te mein Vater in die­sem Moment.

   Ich über­leg­te kurz, ob ich ihn um Geld bit­ten soll­te, ent­schied mich aber dage­gen. Ich war zu fei­ge. „Tschüss“, sag­te ich und been­de­te das Tele­fo­nat abrupt, indem ich den Hörer unsanft auf­leg­te.

   Unver­züg­lich deu­te­te Mary auf den Bil­der­rah­men im Regal. „Da steht ein Foto von uns!“, rief sie begeis­tert.

   „Das ist schon seit Wochen dort.” Ich hielt kurz inne, dann füg­te ich mit einem Augen­zwin­kern hin­zu: „Aber natür­lich nur aus beruf­li­chen Grün­den.“

   Ihre Augen­brau­en zuck­ten nach oben. „Aus beruf­li­chen Grün­den?“

   „Was denn sonst? Du siehst gut aus, und die Kun­den sol­len ruhig sehen, dass ich durch die Fir­ma einen guten Fang gemacht habe.“ Ich ach­te­te dar­auf, dass mein Ton­fall eine Mischung aus Humor und Sar­kas­mus aus­strahl­te.

   „Durch die Fir­ma?” Marys Mund­win­kel zuck­ten – dann durch­bohr­ten mich ihre blau­grau­en Augen. „Du belügst also die Part­ner­su­chen­den und behaup­test, ich wäre eine Kun­din gewe­sen?“

   „Belü­gen? Ich wür­de es lie­ber ‚krea­ti­ve Ver­kaufs­rhe­to­rik‘ nen­nen. Ihr nehmt es in der Bank mit der Wahr­heit ja auch nicht sehr genau“, kon­ter­te ich mit einem schel­mi­schen Grin­sen.

   Ihr Blick glitt zum Bild­schirm. Es folg­te ein kur­zes Schwei­gen. „Was schreibst du da?“, frag­te sie. Sie beug­te sich vor und begann mit gespiel­ter Fei­er­lich­keit vor­zu­le­sen: „Ich wur­de 1965 in Mön­chen­glad­bach gebo­ren.“ Sie hielt inne und run­zel­te die Stirn. „Das weiß ich doch.“

Ich war 21 Jah­re alt und sie ein paar Mona­te jün­ger.

   Ich ging zu ihr, trat hin­ter sie und leg­te ihr mei­ne Hän­de auf die Schul­tern. Ein Lächeln spiel­te um ihre Lip­pen. „Ver­fasst du etwa dei­ne Auto­bio­gra­fie?“

   Mei­ne Fin­ger glit­ten durch ihr schul­ter­lan­ges, blon­des Haar. „Dafür bin ich noch zu jung. Ich habe nur ein paar Noti­zen über mei­ne Erleb­nis­se hier gemacht. Zeit hat­te ich schließ­lich genug.” 

   „Du hat­test hier ein beque­mes Leben“, erwähn­te sie, und damit hat­te sie recht. Tat­säch­lich hat­te ich mich im Büro noch nie über­ar­bei­tet.

   Mein Blick wur­de ernst. „Das wird sich bei der Bun­des­wehr gründ­lich ändern.“

   Mary nick­te und sag­te lei­se: „Ich lese noch ein wenig wei­ter.“

   „Das kannst du spä­ter zu Hau­se machen”, ent­geg­ne­te ich.

   Sie dreh­te ihren Kopf zu mir. „Hast du dein Ver­mitt­lungs­pro­gramm wei­ter­pro­gram­miert?”

   „Ja! Das kann ich dir mal zei­gen. Aber nicht jetzt!”  Ich schritt an ihr vor­bei und schal­te­te den Moni­tor sowie den Rech­ner aus. Es gab kei­nen Grund für mich, län­ger im Büro zu blei­ben.

Nur weni­ge Minu­ten spä­ter lag Char­ly samt Moni­tor im Kof­fer­raum von Marys wei­ßem Opel Kadett, der in einer Sei­ten­stra­ße nahe dem Büro geparkt war. Mei­nen leder­nen Akten­kof­fer, in dem ich die Dis­ket­ten ver­staut hat­te, nahm ich mit.

Doch wir fuh­ren nicht sofort los. Anstatt ein­zu­stei­gen, blieb Mary am Wagen ste­hen und blick­te hin­über zu einem Bis­tro auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te. Auf dem Bür­ger­steig davor stan­den bestuhl­te Tische, an denen Men­schen saßen. Es war voll, aber nicht über­füllt. Der kla­re Him­mel und die strah­len­de Son­ne luden gera­de­zu dazu ein, drau­ßen Platz zu neh­men.

   „Da war ich noch nie”, sag­te ich und deu­te­te mit der rech­ten Hand zum Bis­tro. “Was hältst du davon, wenn wir noch etwas in Aachen blei­ben?” Mein Vor­schlag ent­sprang mehr einem Impuls als einer durch­dach­ten Idee.

Mary nick­te zustim­mend.

An die­sem Frei­tag hat­ten wir bei­de nichts Beson­de­res vor – kei­ne Pflich­ten, kei­ne Eile. Nur Zeit. Zumin­dest bis Mon­tag früh.

   Ohne ein Wort zu ver­lie­ren, über­quer­ten wir die Stra­ße und ergat­ter­ten den letz­ten frei­en Tisch. Wir rück­ten zwei Stüh­le eng zusam­men, wäh­rend ein drit­ter leer blieb. „Ich neh­me eine Cola“, sag­te Mary. Sie wirk­te zufrie­den, als sie mich ansah.

Um uns her­um ein Stim­men­ge­wirr, Musik und das Klir­ren von Glä­sern. Vor­sich­tig leg­te ich mei­ne rech­te Hand auf ihr blan­kes Knie und mus­ter­te die Umge­bung. Die Gäs­te waren eine Mischung aus Paa­ren sowie klei­nen Grup­pen in unse­rem Alter. Eine brü­net­te Kell­ne­rin, etwas älter als wir und luf­tig geklei­det, schlen­der­te mit einem lee­ren Tablett in der Hand an unse­rem Tisch vor­bei – ohne uns zu beach­ten. Mein Auge folg­te ihr, bis sie sich wenig spä­ter im Lokal an der The­ke auf einen Bar­ho­cker setz­te.

   „Tsss“, zisch­te ich gut hör­bar, schüt­tel­te fas­sungs­los den Kopf und wand­te mich wie­der Mary zu.

Doch sie blick­te nicht zu mir. Statt­des­sen haf­te­ten ihre Augen mit einem viel­deu­ti­gen Lächeln auf den Lip­pen an der Kell­ne­rin. Mary schien in Gedan­ken ver­sun­ken. Was hat sie nur?, dach­te ich.

   Plötz­lich, ohne jede Vor­war­nung, beug­te sie sich zu mir her­über. Ihre Lip­pen berühr­ten mei­ne Wan­ge – kurz, aber for­dernd. „Die gefällt mir”, flüs­ter­te sie mir ins Ohr, befeuch­te­te sich die Lip­pen mit der Zun­gen­spit­ze und füg­te hin­zu: „Die ist was für uns bei­de. Ein per­fek­tes Abschieds­ge­schenk, oder?”

Die Luft stock­te mir in der Keh­le. Dar­an, dass Mary es ernst mein­te, zwei­fel­te ich kei­nen Moment. Über­rasch­ten mich ihre Wor­te? Ja und nein! Ihr ero­ti­sches Inter­es­se an Frau­en war mir nicht neu. Sie hat­te sich schnell bei mir geoutet. Sogar den Wunsch, mich mit einer ande­ren Frau zu tei­len, hat­te sie mir bereits anver­traut.

Doch soll­te es heu­te wirk­lich gesche­hen? Mein Blick schoss zu ihrer Aus­er­wähl­ten, die ich nun mit ande­ren Augen betrach­te­te – neu­gie­ri­ger, viel­leicht sogar ein wenig lüs­tern.

Eine schlan­ke Blon­di­ne und eine voll­bu­si­ge Dun­kel­haa­ri­ge im Bett – die Vor­stel­lung gefiel mir. Doch ich sah nur kurz zu ihr hin. Zu viel Inter­es­se zu zei­gen hielt ich für falsch.

   Lang­sam hob Mary ihre Hän­de. „Und sie hat mehr Busen als ich“, mur­mel­te sie mit fun­keln­den Augen. Das stimm­te. Dach­te sie in die­sem Moment an ihr eige­nes Ver­gnü­gen oder an meins?

Dann, in einer fast schon thea­tra­li­schen Ges­te, griff sie sich an den Blu­sen­kra­gen und öff­ne­te die obe­ren bei­den Knöp­fe. Sie zeig­te nun Haut, aber kein erwäh­nens­wer­tes Dekol­le­té.

   Ich grins­te. „Geh doch zu ihr und sprich sie an“, for­der­te ich Mary auf und zog mei­ne Hand von ihrem Knie zurück. „Und wenn du schon dort bist, kannst du gleich etwas zu trin­ken bestel­len. Für mich bit­te ein Glas Weiß­wein.“

   Sie lächel­te. „Du lebst in dem Luxus, nicht fah­ren zu müs­sen.“

   „So bin ich“, ent­geg­ne­te ich ver­schmitzt und ließ mei­nen Kopf lang­sam nach links und rechts schwei­fen.

   „Das mit dem Mädel ist mein Ernst“, beharr­te Mary. Mein Nicken schien sie zu bestär­ken. „Sag mal“, setz­te sie nach, „in dei­nem Ver­mitt­lungs­pro­gramm soll­test du viel­leicht auch sexu­el­le Nei­gun­gen berück­sich­ti­gen.“

   Wie sie nun auf die­ses The­ma kam, wuss­te ich nicht. Ich nahm ihre Aus­sa­ge als Scherz auf. „Ja nee, ist klar“,  brumm­te ich und tät­schel­te ihr das Knie. „Nicht alle sind so auf­ge­schlos­sen wie du.“

   „Genau des­we­gen“, sag­te Mary selbst­be­wusst.

   „Ich habe eini­ges geplant”, ver­riet ich dann, ohne Ein­zel­hei­ten nen­nen zu wol­len. Ich hat­te mehr Ideen, als ich mit dem Com­pu­ter umset­zen konn­te. Ich woll­te mir bald einen bes­se­ren anschaf­fen.

   Mary blin­zel­te gegen die tief­stehen­de Son­ne. „Hast du heu­te mit dei­nem Vater gespro­chen? Hast du ihn gefragt, ob du nach der Bun­des­wehr bei ihm wei­ter­ar­bei­ten kannst?“

   „Das hat noch andert­halb Jah­re Zeit“, erwi­der­te ich und kicher­te lei­se. „Die eigent­li­che Fra­ge ist doch, ob ich das über­haupt will.“

   „Etwas Bes­se­res wirst du mit dei­ner Berufs­aus­bil­dung kaum fin­den.“ Damit hat­te sie wohl recht. Als Ver­käu­fer im Ein­zel­han­del konn­te ich nicht viel erwar­ten.

   „Viel­leicht habe ich ja mora­li­sche Beden­ken!“, erklär­te ich mit fes­ter Stim­me.

   Mary sah mich fra­gend an. „Man­ches, was du im Büro erlebt hast, könn­te man durch­aus als toxisch bezeich­nen.“

   Ich über­leg­te einen Moment, was sie mit „toxisch“ mein­te. „Du meinst also die­se merk­wür­di­gen Mit­ar­bei­ter und die son­der­ba­ren Kun­den?“ Bevor Mary etwas erwi­dern konn­te, fuhr ich fort: „Eigent­lich wäre es gar nicht schlecht, ein Buch über den Beruf zu schrei­ben.“

   Ein kur­zes Lachen ent­fuhr ihr. „Ein Ent­hül­lungs­buch? Du willst ver­ra­ten, wie Part­ner­su­chen­de über den Tisch gezo­gen wer­den?“

   Ich zuck­te mit den Schul­tern. Doch sie hak­te nach: „Oder doch eine Auto­bio­gra­phie?“

   „Ich schrei­be über Pri­va­tes und Beruf­li­ches. Den ers­ten Teil nen­ne ich Lehr­jah­re.”

   „Den ers­ten Teil?“, frag­te Mary über­rascht und schüt­tel­te ungläu­big den Kopf.

   „Viel­leicht gebe ich auch Tipps, wie man Frau­en wie dich ken­nen­lernt.”

Ich sah sie lang­sam und ein­dring­lich von Kopf bis zu den Füßen an.

   „Halt mich da bit­te raus“, bat sie.

   „Nein! Du steckst bereits im Schla­mas­sel.” Ich erhob mei­nen Kopf. “Um mei­ne Erfolgs­sto­ry wer­den sich Film­pro­du­zen­ten rei­ßen.”

Manch­mal war ich etwas groß­kot­zig, was eine Art Selbst­schutz war.

   Eini­ge Sekun­den lang wirk­te Mary fas­sungs­los. Dann sag­te sie char­mant: „Du über­treibst, Schatz.” 

Gedan­ken wir­bel­ten durch mei­nen Kopf. Nor­ma­ler­wei­se spra­chen Mary und ich nie lan­ge über die Arbeit – und schon gar nicht über unser Gefühls­le­ben. Doch die bevor­ste­hen­de Tren­nung mach­te uns red­se­li­ger als sonst.

   Und dann geschah es: Unbe­merkt von uns trat die Bedie­nung an den Tisch. Ich gab unse­re Bestel­lung auf. Kaum war sie gegan­gen, bemerk­te Mary lei­se: „Sie ist ver­hei­ra­tet und trägt einen Ehe­ring.” Plötz­lich gab sie mir einen flüch­ti­gen Kuss und füg­te hin­zu: „Das wird wohl nichts. Wir suchen uns irgend­wann eine ande­re.“

Ich nick­te zustim­mend.

Wir genos­sen den Abend und die letz­ten gemein­sa­men Tage, die uns noch blie­ben. Bald schon wür­de für mich ein neu­es Leben begin­nen.

Die Idee für die­ses Buch brann­te sich aller­dings wie ein Feu­er­blitz in mein Bewusst­sein – eine Erin­ne­rung, die nie ver­blass­te. Ihre Umset­zung jedoch soll­te am Ende viel län­ger dau­ern, als ich es mir je hät­te träu­men las­sen.

Heu­te, Jah­re spä­ter, hält Mary das fer­ti­ge Buch in Hän­den. Genau wie nun vie­le ande­re Lese­rin­nen und Leser.

Allen wün­sche ich von Her­zen viel Freu­de beim Ein­tau­chen in die­se wah­re Geschich­te

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